An die Freunde

Freunde
Liebe Freunde, in meinem Namen und im Namen Meines – was auch immer alles mir gehört – einen herzlichen, einen aus dem Herzen nicht herauskommenden, dort gefühlten Dank. Dank das er nicht herauskommend ist, dass er aber bleibt da drinnen, weil ihr seid, da immer um mich herum, wenngleich auch viel zu häufig in der Zeit, in der zu schlafen es sich lohnte, wären da keine Freunde.
Was wird dann?
Es rüttelt. Nicht nur auf dem Dach der Firma, wo sie ein neues Stockwerk auftragen wollen und darum zuvor das alte abtragen. Es bebt mein Leben. Ich habe mich zu entscheiden, will ich in der Stadt bleiben, möchte ich fortgehen, ja oder nein, bis heute nachmittag.
Was wird dann aus dem Projekt, aus dem Team und wie verteile ich endlich die Verantwortung auf die Mannschaft, die sie bisher nicht tragen möchte? Wie organisiert man das Ende gleichzeitig mit dem Anfang an zwei Orten in zwei Städten? Muss man sich darüber überhaupt Gedanken machen? Am Ende funktioniert alles wie immer von selbst. Oder nicht?
Verhandelt man eine Gehaltsangabe wenn man als überdurchschnittlich alter Studi in ein einjähriges Volontariat in ein vielversprechendes Unternehmen geht? Wenn man die zweite Wahl ist? Ist der Respekt vor einmaligen Gelegenheiten, vor echten Chancen dafür zu groß oder man selber zu klein? Ist diese Chance die Auffahrt zur lang ersehnten Karriere-Autobahn und bin ich nicht gerade dann, wenn ich mich dafür entscheiden sollte, auf dem nächsten Umweg oder sogar naiv – in meinem Alter? Oder komme ich von Hamburg nur über Hannover nach Berlin? Wird es am Ende möglicherweise doch noch Leipzig?
Und wie reagiert, agiert, entwickelt sich in aller Konsequenz die partnerschaftliche Beziehung, das soziale Umfeld, die sonstigen Berufsperspektiven und was wird aus der Ernte der bisher erledigten Aufgaben? Was davon ist mir wichtig oder vor welchen diesbezüglichen Verlusten habe ich Angst? Und bleibt hier nicht bestehen und veredelt sich das weiter was durch kommende Anstrengungen und durch knappe zeitliche Ressourcen sich von selbst ausdünnt, Altes durch Neues ersetzt, Wichtiges von Unwichtigem trennt, Substanzielles von Überflüssigem? Aber ja! Immer ist das so.
Und was schließlich soll mit dem Studienabschluss geschehen? Schreibe ich ihn nun doch in der Heimat, in Hamburg, schnell, in nur zwei Monaten oder nehme ich das Vorhaben mit nach Hannover und werde nicht fertig aufgrund zu vieler eigentlich anstehender Arbeit oder lässt es sich verknüpfen? Schreibe ich dort über die Arbeit? Ach Oma, Deine Krankheit müsste man haben und man würde gar nicht in der Lage sein, solche Chancen zu genießen.

015
Ordnung muss sein. Ich liste seit Kurzem (wieder mal) mein Leben, meine Projekte und täglichen ToDos. Die Kunst ist die Ausdünnung. Priorisierung des Erwähnenswerten, Ausschuss nicht zu erledigender Scheiße. Das müsste auch in Sozialangelegenheiten möglich sein. Priorisierung der Erwähnenswerten und Ausschluss nicht zu ertragender Scheißer.
Morgens, ab 8 h beginne ich das Karopapier zu beschreiben. „Gesprächstermin zwecks Finanzierung mit Prof. Dr. X vereinbaren, Steuererklärung bis Ende September bedenken, Kopfhörer abholen, Beziehungsmanagement usw.“. Denke bereits über die Visualisierung der eigenen Produktivität nach. Diese Krankheit stammt aus dem Projektmanagement – terrorisiere gerade das Projekt-Team. Statistische Erfassung, das Erledigte und Unerledigte in Zahlen und so. „Hallo?!, Hier! Mal herhören! Da stimmt doch was nicht!“
Zahlenkunde voran und sich selbst in die soziale Isolation treiben. Zur Genesung der körperlichen Verfassung und für den projektoralen Erfolg, für die eigene Reputation, die Etikette. Um Prozesssteuerung und Selbstmanagement zu befeuern und zu verschärfen. Die ersten bekommen es mit der Angst zu tun. Controlling, controlling, Erfolgskontrolle! „Bindet euch die Krawatten um, ihr kleinen akademischen Scheißerchen!“ Sind wir alle, kleine Egoisten-Scheißerchen. Nur input-orientiert.
Nikotin- und Alkoholgenuss zugunsten der Sportlichkeit heruntergefahren. Zugunsten der Gesundheit, des Tiefschlafs, der physischen Erholung. Lungenproblem dadurch kurzfristig de-eskaliert. Problematik aber noch nicht grundsätzlich aus dem Weg geräumt. Lunge erfordert hier noch nachhaltigere Verhaltensweisen. Der Freund Thymian hilft überraschend gut. Wirkung ohne Umweg sofort. Einer der Heil-Erfahrenen rät zu mehr Kopfüber-Yoga-Übungen. Nicht zur Durchblutung, wie er sagt, mehr zur Dehnung, „um Platz zum Atmen zu schaffen“. Überall um mich sind jetzt Energie-Avatare, Heiler und wissende Weise. Als bräuchte ich die dringend. Schaut man nur genau hin, gibt es offenbar Antworten auf alle Fragen. Lässt man sie reden, deutet die Welt von selbst auf Lösungen hin, erscheint es mir. Auch mal zuhören, denke ich. Ist viel effektiver als nur reden und nichts dazu lernen.
Mutter erzählte, ich sei schon im Kindesalter derjenige gewesen, dessen Augen bei jeder Fahrt größer wurden, statt kleiner. Überdurchschnittliches Interesse. Immer wach statt schlafend. Rastlosigkeit nenne ich es heute. Erdung fehlt, denke ich oder ein Ziel, statt zu vieler. Entschleunigung muss her, meine ich. Entscheidungskompetenz. Arbeite daran. Gerade.
Learning: Ihre Probleme nehmen nur die wahr, denen Du sie erzählst. Probleme sind das, was Du zu einem solchen erklärst. Aber dennoch: es gibt Signale von Außen, die, hört man nur hin, deutlich auf die eigenen Lebenslagen hinweisen. Meine: zu nachdenklich, kopfgesteuert, genusssüchtig, …
Fortsetzung folgt.